Wenn Kanadas neues Gesetz zur sogenannten rechtmäßigen Zugangserschließung in seiner aktuellen Form durchkommt, verlegt Psiphon seinen Betrieb ins Ausland. Das plant der in Toronto ansässige VPN-Anbieter, wie das Citizen Lab am 6. Oktober 2026 berichtet (mit Verweis auf eine Recherche des Globe and Mail). Die Software hilft Millionen Menschen in zensierten Ländern, überhaupt ins offene Internet zu kommen.
- Bill C-22 verpflichtet elektronische Diensteanbieter, Polizei und dem Geheimdienst CSIS verdeckt Überwachungs- und Monitoring-Funktionen in ihre Systeme einzubauen.
- Psiphon entstand 2006 als Projekt des Citizen Lab und wurde kurz darauf ein privates Unternehmen, so citizenlab.ca.
- Rund 20 Millionen Nutzerinnen und Nutzer pro Monat umgehen laut der Quelle mit dem Tool Online-Zensur, unter anderem im Iran, in Myanmar, Russland und China.
Was verlangt Bill C-22 genau?
Das Gesetz würde elektronische Diensteanbieter zwingen, ihre Systeme so zu verändern, dass Polizeidienststellen und der Canadian Security Intelligence Service (CSIS) überwachen und mitlesen können. Das Pikante daran: Diese Änderungen sollen geheim bleiben, also ohne dass die Anbieter ihre Kundinnen und Kunden informieren dürften. Für Psiphon steht laut der Meldung fest: Kommt das Gesetz so, geht das Unternehmen.
Warum trifft es ausgerechnet Psiphon?
Weil der Zweck der Firma ziemlich genau das Gegenteil von staatlicher Überwachung ist. Psiphon wurde gebaut, damit Menschen in Ländern wie Iran oder Russland Zensur umgehen können, und lebt vom Vertrauen dieser 20 Millionen monatlichen Nutzer. Ein Anbieter, der verdeckte Hintertüren einbauen muss, kann dieses Vertrauen nicht gleichzeitig halten. Die meldefreundliche Seite der Sache: Staaten wollen Straftaten aufklären, und ein pauschales Ja zu Hintertüren wäre zu einfach. Der Haken ist das Geheimgebot, das Kontrolle durch Nutzer und Öffentlichkeit ausschließt.
Wohin Psiphon ziehen will, bleibt offen
Da muss ich das Quellenmaterial leider dünn nennen: Die Meldung sagt nur, dass das Unternehmen vorbereitet ist, den Betrieb aus Kanada zu verlagern. Kein Zielland, kein Zeitplan, keine Details. Auch offen bleibt, was mit dem Firmensitz Toronto passiert, wo Psiphon seit fast zwanzig Jahren verwurzelt ist.
Kurz beantwortet
Was ist Psiphon? Eine Zensurumgehungs-Software, 2006 als Citizen-Lab-Projekt gestartet und später privatisiert. Weltweit nutzen sie laut Quelle monatlich 20 Millionen Menschen.
Was ist der CSIS? Der kanadische Sicherheitsgeheimdienst, den Bill C-22 zusammen mit der Polizei als Empfänger der neuen Überwachungsfunktionen nennt.
Warum droht Psiphon mit Abwanderung? Weil das Gesetz geheime Systemänderungen zur Überwachung verlangt, die zum Geschäftszweck des Anbieters, nämlich Zensurflucht, schlicht nicht passen.
Meine Interpretation: Solche Gesetze treffen nie die Kriminellen zuerst, sondern immer die Anbieter, die Anstand zur Geschäftsgrundlage machen. Die konkrete Frage dahinter finde ich viel spannender: Wenn Psiphon wirklich geht, wer baut dann die Brücken nach draußen für die 20 Millionen Menschen im Iran, in Myanmar, Russland und China, und zieht der nächste Zensurknacker-Anbieter mit um, wenn sein neues Gastland ein eigenes Bill C-22 beschließt?
Laut citizenlab.ca berichtet ursprünglich der Globe and Mail über die Pläne.