In einem Beitrag auf colo.to stellt Eric Gullichsen diesen Oktober klar: Autodesk wollte sich 1989 die Marke „cyberspace“ sichern, William Gibson war tatsächlich verärgert, aber seine angebliche Gegen-Anmeldung auf den Namen „Eric Gullichsen“ hat es nie gegeben. Diese Rache-Story wird seit Jahren auf jeder zweiten Konferenz erzählt. Ich selbst habe sie längst für verbürgt gehalten.
- Gibson hatte den Begriff „cyberspace“ 1984 in seinem Roman „Neuromancer“ groß gemacht, den die Quelle als sein wegweisendes Buch beschreibt.
- Gullichsen baute 1989 im Autodesk Research Lab an einem frühen VR-System: ein 386er mit zwei Matrox-Grafikkarten, Datenhandschuh, sechs bis zehn Bilder pro Sekunde, wie die Quelle angibt.
- Die Sache mit der Rache-Marke war laut der Quelle ein Scherz von Timothy Leary, der über Barlow und Rudy Rucker die Runde machte und seit den ersten Tagen des Webs weiter erzählt wurde.
Warum wollte Autodesk sich ein Wort aus einem Roman sichern?
Weil Autodesk den Begriff gerade für ein Produkt brauchte: Gullichsens VR-Projekt im Autodesk Research Lab schlich sich 1989 Richtung Marktreife, und genau damals meldete die Firma „cyberspace“ als Marke an, wie der Beitrag schildert. Timothy Leary, mit beiden Seiten gut bekannt, berichtete Gullichsen, der Autor sei ordentlich verstimmt. Der schrieb Gibson daraufhin einen versöhnlichen Brief.
Hat Gibson mit einer eigenen Marke zurückgeschlagen?
Nein. Diese Geschichte ist laut Gullichsens Beitrag frei erfunden. Sie begann als Scherz von Timothy Leary, wanderte über Barlow und Rudy Rucker und hielt sich von den ersten Tagen des Webs an hartnäckig. Wahr ist am Ende nur der Ärger selbst, nicht die Retourkutsche.
Bemerkenswert finde ich, dass beide Seiten irgendwo recht hatten. Autodesk hatte ein legitimes Geschäftsinteresse, einen Namen für ein Produkt zu schützen. Gibson hatte den Begriff nun mal in die Welt gesetzt. Aus beidem wurde vor allem eine Legende, die sich dreißig Jahre länger hielt als die Fakten.
Kurz beantwortet
Hat Autodesk die Marke am Ende bekommen? Das sagt der Beitrag nicht.
Was wurde aus dem versöhnlichen Brief? Ob Gibson jemals geantwortet hat, steht dort auch nicht.
Die Langfassung, inklusive eines Treffens im Park Güell 1990 und eines Untergrund-Videos, in dem Leary im VR-Labor mitspielt, findet sich auf colo.to. Meine Interpretation: Falsche Geschichten überleben im Netz nicht, weil sie jemand bös will, sondern weil sie zu gut passen. Und die Frage, die mir bleibt: Welchen Roman-Begriff würde wohl als Nächstes jemand als Marke anmelden, wenn „Metaverse“ es schon nicht mehr ist?