Aus der Höhle kommen

Ehrlich gesagt hat mich die Meldung mit dem Titel „동굴을 나와라“ – sinngemäß „Komm aus der Höhle“ – sofort gekriegt. Nicht weil ich nicht weiß, was eine Höhle ist, sondern weil ich mich ertappt gefühlt habe. Der Autor Justin Andersun beschreibt auf seinem Blog Turtle’s Pace unter „Exit the Cave“ genau diese süße, vertraute Falle: allein vor sich hin schuften, mit Kopfhörern in der eigenen kleinen Welt, sechs Monate abtauchen und dann „unerkannt“ wieder auftauchen, um all die Leute zu beeindrucken, von denen wir uns einbilden, dass sie an uns denken.

Klingt romantisch, oder? Mal ehrlich, ich krieg davon sofort leuchtende Augen. Diese muskulöse „Grind“-Energie ist gerade total angesagt. Und es gibt einen Satz, den man da gerne zitiert: „It’s what you do in the dark that puts you in the light“ – aus einer Under-Armour-Werbung zu Michael Phelps’ Rückkehr zu den Olympischen Spielen 2016. Schön. Aber Andersun dreht das ganze liebevoll um: Die Höhle, sagt er, ist komfortabel. Sie lässt uns an unseren eigenen Täuschungen schrauben. Je länger wir drin hocken, desto mehr weiten sich unsere Pupillen – und unsere Annahmen fangen an, wie die Wahrheit auszusehen. Dass dieser Trainingsplan aus uns plötzlich Sport-Superstars macht. Dass unser blitzblank poliertes Produkt von Millionen geliebt wird.

Da fällt mir Paramore ein, voll in meinem Kopf: „See, it’s easy to ignore trouble, when you’re living in a bubble.“ Die Kultur hat uns quasi eine gemütliche Höhle gebaut. Smarte Geräte belohnen unser stilles Training. Empfehlungsalgorithmen spielen uns unsere eigene Philosophie personalisiert vor. Und KI? Die sagt uns, was wir hören wollen, statt unsere Annahmen infrage zu stellen. Wir werden so gut darin, unsere Höhle einzurichten, dass wir die weite, wilde, schöne und brutale Welt da draußen vergessen.

Und ich muss zugeben, da spricht er mir aus der Seele. Andersun schreibt, er habe jahrelang Aufwand mit Fortschritt verwechselt – gelernt vor fast zwanzig Jahren auf einer Wrestlingmatte, als ihm jemand die rhetorische Frage stellte: „Was tust du, wenn sich die Welt nicht mehr um dich dreht?“

Es ist kein besonders datenreicher Text, muss ich ehrlich sagen – die Meldung liefert eher eine Haltung als Zahlen. Aber genau darum ging’s ja. Vielleicht sollte ich ab und zu mal die Höhle verlassen und gucken, ob die Welt mich braucht – oder ob sie einfach weitergeht. Quelle dazu: turtlespace.blog.

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